Interview Thomas Sixt August 2009

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Interview mit Kochexperte Thomas Sixt

Christine Strohm (CS) Thomas Sixt (TS)

CS: Am Anfang war

TS: Plattling, Niederbayern 1975

CS: Also erst später Österreicher geworden?

TS: Nein. Wiener. Mit 23 bin ich nach Wien gezogen. Ich bin in Bayern aufgewachsen, in Erding zur Schule gegangen und hab’ dort die Mittlere Reife gemacht. Danach gab’s drei Optionen den Kochberuf zu erlernen: Der „Königshof“, das „Vier Jahreszeiten“ und der „Bayerische Hof“ sowie das „Mövenpick am Lehenbachplatz“. Nachdem allesamt zugesagt hatten, dachte ich mir: „Vielleicht gibt’s ja noch bessere Möglichkeiten für eine gute Ausbildung“ und hab mich bei Alfons Schuhbeck in Waging am See beworben.

CS: Warum überhaupt Koch?

TS: Das ist eine ganz interessante Frage. Meine Großeltern mütterlicherseits waren eher einfach gestrickte Leute, also dort kam die bodenständig-bayerische Variante auf den Tisch: Pfannkuchen, Kaiserschmarr’n, eingelegte Zwetschg’n, Schweinebraten. Die anderen Großeltern haben eher gutbürgerlich gekocht. Die Karotten dort badeten nicht in einer Mehlschwitze, sondern waren in Butter glasiert und mit Petersilie verfeinert. Diese verschiedenen Welten haben mich als Kind total fasziniert. Wie kommt es, dass mir das Karottengemüse von der einen Oma besser schmeckt als das andere – oder dass der Kaiserschmarr’n von der einen Oma unschlagbar ist, aber die Pralinen und Plätzchen von der anderen Oma der Wahnsinn? Wie hat sie das gemacht? Wie hat sie diesen Kick hineingebracht? Es hat mich einfach schon immer fasziniert zu sehen, wie man aus Produkten - aus Zutaten, die man im Supermarkt oder auch am Markt sieht - einen Gaumenschmaus zubereiten kann.

Stichwort Schubeck – Thomas Sixt als Lehrling

CS: Du hast Dich für Schuhbeck als Lehrmeister entschieden. Warum?

TS: Ein großer Unterschied zu anderen Küchen war, dass Alfons prinzipiell immer das „Warum, Wieso und Weshalb“ erklärt hat. Ich habe ihm damals erzählt, dass ich auch für andere gute Restaurants hätte arbeiten dürfen. „Wenn du kochen lernen willst, dann musst du zu mir kommen“, hat er gesagt. „ Du bist hier nicht der Vierte hinter dem Herd, sondern du stehst AM Herd und lernst das Kochen wirklich!“

CS: Wie war der erste Tag?

TS: Der Alfons war in den wenigen Minuten sehr präsent- er war ja eigentlich damals schon ein Halbgott. Er ist aus der Küche in die so genannte Nudelschüssel in den Vorraum von seinem Wirtshaus gekommen und hat mich begrüßt. „Hast Dir den Hühnerstall in der Küche schon angesehen?“ Sein Kommentar war: „Es wird eine anstrengende Zeit“ und das war’s dann eigentlich schon.

CS: Und dann zweieinhalb Jahre ganz normale Lehre?

TS: Genau. Erst im Service, dann in der Produktion. Dort habe ich von der Pieke auf gelernt, wie man Terrinen, Sülzen und Wurst herstellt, wie Fleisch richtig zerlegt wird oder wie man 2000 Leberknödel produziert. Danach durchläuft man die einzelnen Küchenposten der Reihe nach: Vorspeiseposten: Salat putzen – das war am Anfang eigentlich das Schlimmste, weil man ewig lange braucht, obwohl es eigentlich viermal so schnell gehen sollte. Dann lernt man, wie man Kartoffeln richtig brät. Von diesem Posten kommt man dann weiter zum Fisch: Hier geht’s dann ums Gräten ziehen, ums Fisch filetieren, Soßen vorbereiten, Soßen ansetzen, Suppen kochen, usw. Darauf folgt der Gemüseposten und weitere, und so durchläuft man jede Station bis hin zur Patisserie.

„Die Küche ist eigentlich eine Diktatur“

CS: Von Schuhbeck sagt man er sei nicht gerade zimperlich im Umgang mit seinen Mitarbeitern.

TS: Das ist richtig, aber die Küche ist ohnehin kein zimperliches Umfeld. Jeder ist im Stress, alles muss funktionieren, alles muss vorbereitet sein. Zu Alfons bleibt einfach nur eines zu sagen: Hoher Qualitätsanspruch. Es ist ihm wichtig, dass alles funktioniert. Freilich kriegt jeder am Anfang sein Fett weg, aber irgendwann macht’s „Klick“ und dann hat man’s kapiert, dann läuft das. Und am Ende des Tages bleibt nicht die Erinnerung daran übrig, dass mal gebrüllt wurde, sondern die Gewissheit: Mensch, was haben wir in der kurzen Zeit für tolle Dinge gemacht, tolle Events, tolle Caterings, was haben wir erlebt, mit welchen Menschen hatten wir zu tun. Und dieses Handwerk so von der Pieke auf zu lernen oder lernen zu können, ist ja auch ein Geschenk. Das ist nicht selbstverständlich. Ich hatte genug Kollegen, die drei Jahre lang nur Frittierkörbe hoch und runter gehoben und in der Spargelzeit mal eine Sauce Hollandaise aufgeschlagen haben, das war‘s.

CS: Gibt es einen Teamgeist am Herd und bist Du ein guter Teamplayer?

TS: (lacht) Die Küche ist eigentlich eine Diktatur, die einzige Gesellschaftsform, die in der Gastronomie funktioniert. Es gibt einen Küchenchef, einen Sous Chef und die Postenchefs, die für ihre einzelnen Bereiche verantwortlich sind. Ich hatte Postenchefs, die gesagt haben: „Das und das muss gemacht werden und erst wenn Du fertig bist, kannst du am Nachmittag in die Zimmerstunde gehen. Wenn nicht, dann bleibst Du da“. Der Vorteil daran ist, dass man spätestens am dritten Tag lernt, die Arbeit schneller zu erledigen. Der Nachteil ist, dass das Teamwork zu kurz kommt, weil man am Anfang meistens derjenige ist, der rund um die Uhr dasteht, um die Sachen fertig zu kriegen. Ich hatte in meiner Ausbildung aber auch gute Teamplayer. Die fragten „Wie weit bist du? Du musst schneller werden, aber wir helfen dir kurz und dann fahren wir gemeinsam in die Zimmerstunde“. Es gibt also Unterschiede. Für mich ist Teamwork das Wichtigste, denn wenn nichts zusammenspielt, dann fehlt der Spaß.

CS: Gastronomie und normales soziales Leben sind schwer vereinbar, sagt man. Wie hast Du das erlebt? TS: Eher wenige Freundschaften, aber dafür gute, mit einigen Kollegen habe ich noch heute Kontakt. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass auch sehr erfolgreiche Küchenchefs nach einer gewissen Zeit in der Gastronomie entweder den familiären Betrieb Zuhause übernehmen, einen Eigenen aufmachen, in die Kantine gehen, Berufsschullehrer werden oder ganz aufhören. Aufgrund der Arbeitszeiten ist es tatsächlich extrem schwierig.

CS: Hast du Dich deshalb gegen ein eigenes Restaurant entschieden?

TS: Nicht nur. Bei mir gab es keinen väterlichen Betrieb, den ich hätte übernehmen können. Die Erkenntnis, dass ich es liebe, mit Leuten zusammen etwas zu machen, hat ganz logisch dazu geführt, nach anderen Möglichkeiten zu suchen.

„…damit’s auch zuhause besser klappt“ – Thomas Sixt als private cook

CS: Ab 1998 kamen Eventservice, Showkochen und Kochkurse für Zuhause. In dieser Zeit hast Du grob gerechnet mit 10.000 Menschen gekocht. Was war so reizvoll am „private cooking“?

TS: Die Möglichkeit den Leuten etwas mitzugeben, ihnen etwas zeigen zu können. Das hat mehr oder weniger auch schon bei Schuhbeck stattgefunden. So mancher durfte auch mal eine Woche oder so in der Küche mit zuschauen oder sogar mitmachen. Aber die eigentlichen Kochkurse liefen eigentlich immer so ab, dass die Leute zugesehen haben, wenn Alfons etwas gemacht hat und danach in seinem Restaurant zum Essen gegangen sind. Ich wollte wirklich mit den Leuten zu Hause kochen.

CS: Warst du der Pionier des private cooking?

TS: Nein, als Pionier sehe ich mich nicht. Im kochtechnischen Bereich ist diese Bezeichnung ziemlich problematisch. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man sehr wenig neu erfinden kann, weil es das Meiste bereits zu irgendeiner Zeit und in irgendeiner Form gegeben hat - vielleicht abgesehen von der Molekularküche. Aber die Reaktion der Medien auf meine Kochkurse hat mir gezeigt, dass meine Idee Anklang findet.

CS: Anders als Schuhbeck hattest Du keine Restaurantküche für Deine Kochkurse. Wo stand denn Dein Herd um den Du Deine Schüler versammelt hast?

TS: Im Prinzip bin ich zu sämtlichen Küchenherstellern gewandert und habe zu denen gesagt „Meine Idee ist: Kochkurse in Euren Küchen, mit Euren Geräten, das ist ideales Eventmarketing, lasst uns was machen“. Ich hab dann Events mit bulthaup gemacht, dann Showkochen auf Messen für Gorenje, dann kam Miele. Miele ist voll auf das Thema eingestiegen und so bin ich vier Jahre durch deutsche Lande gefahren, mit Equipment von Küchenstudio zu Küchenstudio und habe da immer mit 18 bis 24 Leuten drei Gänge gekocht. So konnte ich über 600 Kochveranstaltungen bzw. Kurse durchführen und mit mehr als 10.000 Leuten kochen. Das war sehr aufregend und lehrreich, weil vieles, was ein Koch für selbstverständlich hält, für jemand, der kein Profi ist, alles andere als selbstverständlich ist. Und ich fand es toll, den Gästen nicht nur ein Rezept mit nach Hause zu geben, sondern auch den einen oder anderen Kniff, damit’s auch zu Hause besser klappt.

CS: Deine Kochkurse sind den Medien aufgefallen. Was war anders als bei den anderen?

TS: Zunächst erst mal gar nichts. Anfangs habe ich mich vor allem als Selbstdarsteller gesehen, der seine Schüler mit seiner „Kochpracht“ und Professionalität beeindruckt. Allmählich bin ich aber darauf gekommen, dass es sehr viel interessanter ist, die Leute dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Also, jetzt nicht mein Programm einfach abfahren zu lassen, sondern mehr in die Richtung zu fragen: Wo fehlt’s denn?

CS: Und wo hat es den meisten am meisten gefehlt?

TS: Kurioserweise, trotz der vielen Kochsendungen, haben die meisten Leute immer noch Unsicherheiten bei Fisch oder großem Geflügel oder auch gerade bei Rindfleisch, Steaks. „Wie lange muss ich die Ente wirklich braten, damit die nicht trocken wird?“, „Wie mache ich das Huhn perfekt oder den Fisch, damit er nicht zerfällt?“ Das sind die Themen, die immer wieder auftauchen.

„Nach dem Essen ist der Teller leer“ – Thomas Sixt als Fotograf und Autor

CS: So ganz nebenbei hat Dich aber auch das Thema Food-Fotografie gepackt und nicht mehr losgelassen.

TS: Mehr oder weniger schmerzhaft für jeden Koch: Nach dem Essen ist der Teller leer. Mein Ausweg war, die Sachen vorher zu fotografieren, um auch zwei Jahre später noch zu wissen, was ich mal gekocht habe. Das begann mit Fotos für einen Prospekt, den ich gebraucht habe und daraus entwickelte sich eine beständige Leidenschaft.

CS: Etwas später folgte das erste eigene Kochbuch „Der Minutenkoch – schmeckt schneller“ und weitere Bücher und ab 2000 kamen zusätzliche Aktivitäten im Internet dazu.

TS: Ja, es begann mit einer Website, auf der Kochvideos (leider noch sehr pixelig) zu sehen waren und ausgewählte Rezepte, das war ca. ab 1999/2000. Das passte zu meinem Bedürfnis, den Leuten etwas rüber zu bringen. Und dann habe ich mit Yahoo.de den Chat „Frag‘ den Chefkoch“ gemacht. Hier habe ich zu den verschiedensten Kochthemen Fragen beantwortet. Später folgte meine Kochrezepte- Sammlung im Internet unter www.peperita.com - diese wird laufend weiter entwickelt und ergänzt – Rezepte mit Bild, Videos, Kochschule, Kochforum...

„Etwas geben und von den Usern etwas zurück bekommen“ – Thomas Sixt als Internet-Koch

CS: Was interessiert den Chefkoch an der Plattform Internet?

TS: Die Kreativität. Und die Möglichkeit des Austausches. Etwas zu geben und von den Usern etwas zurück zu bekommen. Man sendet nicht nur in eine Richtung. Wenn man in einer Restaurantküche steht, ist das so nicht ganz gegeben. Der Antrieb dort ist ein zufriedener Gast und eine hohe Bewertung in irgendeinem Restaurantführer.

CS: Und Dein Antrieb bei „peperita.com“?

TS: Das Internet mit den vielen Foren und Rezepten ist natürlich eine gewaltige Ideenschleuder. Peperita.com und die Vorgängerseite besterezeptesuche.de haben seit 2006 ca. 10. Mio. Rezept- Abrufe. Das ist super. Nicht neue Kochtechniken sind’s, nicht neue Zutaten, aber ganz neue Kombinationen. Mein Lebenstraum ist eine internationale Kochplattform. Das heißt, der User in Moskau gibt sein original Familien- Bortsch-Rezept auf die Seite drauf, der Computer übersetzt’s und wenn jemand in Köln den russischen Abend machen möchte, dann findet er von diesem User aus Moskau das original Bortsch-Rezept und das finde ich genial.

CS: Also nicht: Wir nehmen das gesamte Wissen der Welt, kochen daraus einen Einheitsbrei, sondern wir bleiben in den regionalen Besonderheiten und machen sie für alle zugänglich?

TS: Und zwar machen wir das Original zugänglich, wie z.B. die original Barbecue-Marinade von Erins Vater, der in North-Carolina lebt und das Rezept aus seiner Armyzeit hat. Wir alle wollen, wenn wir etwas entdecken wollen, Originale entdecken. Und dafür ist das Internet eigentlich ein idealer Ort.

CS: Du bist aber gleichzeitig ja auch immer noch Rezepte-Erfinder, oder?

TS: Erfinder, Entdecker, Wieder-Entdecker, Hinzufüger und Kombinierer.

CS: Bei dieser persönlichen Weiterentwicklung hat sich dein Kochen verändert?

TS: Ja. Es hat zunächst eine Phase gegeben in der ich das, was ich gelernt hatte, nachgemacht habe, vielleicht mit kleinen Änderungen. Heute suche ich wirklich nach Neuem, nach neuen Ideen, und auch nach Altbewährtem, das droht vergessen zu werden. Und mich interessiert, wie die Frage: Wie kann man tolle Gerichte so vereinfachen, dass jeder sie nachkochen kann.

„Fakt ist, wir kochen alle nur mit Wasser“ – Thomas Sixt über Suppenaliens

CS: Für welche Art des Kochens stehst Du?

TS: Schnelle Küche, trotzdem möglichst liebevoll und frisch, was nicht heißt, dass da nicht auch einmal ein Convenience-Produkt verwendet wird. In diesem Bereich möchte ich generell ein bisschen aufklären: Das Bild von den tollen Köchen, die alle nur mit neun Stunden gekochter Soße und vier Stunden gekochter Suppe hantieren ist nicht ganz lebensecht. Der Hühnerbrühwürfel an sich ist nicht unbedingt schlecht. Und wenn man ein gesundheitliches oder ökologisches Problem darin sieht, gibt es ja auch noch den biologischen Gemüsebrühwürfel.

CS: Der auch bei Sterneköchen zum Einsatz kommt?

TS: Ja. Ich nenne die Brühwürfel auch „Suppenaliens“. Die sind einfach überall.

CS: Das ist aber ein gut gehütetes Geheimnis?

TS: Und verursacht vielen Leuten einen unglaublichen Stress. Ein Stress der daher kommt, dass das größte aller Küchengeheimnisse noch immer nicht verraten wurde.

CS: Das da lautet?

TS: Am Ende des Tages kochen alle nur mit Wasser plus Zutaten. D.h.: Oft wird um eigentlich einfache Dinge ein großes Tamtam gemacht. Die Frage z.B. „Gibt man Olivenöl ins Nudelwasser?“ kann bei Sterneköchen anscheinend zu Glaubenskriegen führen. Plötzlich formuliert jemand eine Regel wie z.B. niemals das Fleisch vor dem Braten würzen, das ist dann für ein paar Jahre ganz extrem wichtig und gehört scheinbar zu jeder guten Show. Mir geht es darum, diese Glaubenssätze zu reduzieren auf Fragen rund ums Thema kochen. „Stört’s oder stört’s nicht“ find ich spannender als das Gegensatzpaar „Darf man oder darf man nicht?“

CS: Und dein Ziel ist es, den Leuten zu helfen, gute Aliens von schlechten Aliens zu unterscheiden?

TS: Vielleicht eher: Mehr Wahrheit in der Küche. Ich kenne Leute, die schimpfen öffentlich auf die Brühwürfel und haben sie daheim im Kasterl.

CS: Gutes Essen für alle?

TS: Ja, auch für den berufstätigen Menschen mit Familie, der keine Zeit hat, am Nachmittag die Hühnerbrühe aufzusetzen und sie stundenlang leicht köcheln zu lassen. Es ist sicherlich besser jemand kocht sich sein Risotto selber frisch, unter Zuhilfenahme eines Brühwürfels, als dass er auf Konserven zurückgreift. Also lieber ein bisschen Convenience, als nur aus der Dose. Natürlich, es geht nichts darüber sich einen tollen Kalbsjus zu ziehen, nur braucht man dazu eben Zeit, Geduld, Können, etc.

CS: Und einen Spezialitätenmarkt ganz in ihrer Nähe.

TS: Ich unterscheide da zwischen Pflicht und Kür. Die Pflicht ist gut zu essen, die Kür ist halt dann einmal die Woche oder auch nur einmal im Monat auf den Viktualien- oder Naschmarkt o.ä. zu gehen. Die Schwierigkeit besteht darin, das zu vermitteln: Der Hardcore-Kocher schreit auf beim Gedanken an pulverisiertes Zitronengras und ich behaupte, dass schmeckt gut, wenn man es richtig einsetzt.

CS: Fürchtest Du nicht, dass Deine Kollegen Dir diese Entzauberung übel nehmen könnten, wenn du sagst: „Hier kochen alle nur mit Wasser und macht’s euch nicht so viele Gedanken, macht euch lieber was Gutes zu essen in der Zeit, diskutiert nicht, sondern kocht.“?

TS: Ja, wenn sie’s stört, eck‘ ich an, aber das ist nicht mein Problem. Meine Botschaft ist ganz einfach: „Du kannst beim Kochen die Dinge so oder so machen, ja. Probier’s einfach aus für dich. Es gibt nicht eine Wahrheit“.

„Ohne Liebe ist und bleibt es nur Essen“.

CS: Ärzte werden beim Smalltalk gerne mit anderer Leute Wehwechen traktiert, Rechtsanwälte werden auf Parties als juristische Auskunft missbraucht – wie geht’s einem Koch? Bittet man Dich ständig um Rezepte?

TS: Eigentlich überhaupt nicht. Es gibt Freunde, mit denen plaudert man sehr viel über’s Essen, weil die auch selber gerne kochen, mit denen kocht man auch gemeinsam. Wobei der Kreis wirklich klein ist, weil die meisten sich scheinbar nicht trauen, mich einzuladen.

CS: Ein trauriges Schicksal, das die Köche da haben. Noch trauriger, dass beim Kochen heutzutage ja jeder irgendwie Spezialist ist und eine eigene Meinung präsentiert, oder?.

TS.: Da ist Kochen ein bisschen wie Fußball: Jeder weiß Bescheid. Und da gibt’s dann diese Jungs, die halt schon den zweiten Kochkurs bei irgendeinem Starkoch gemacht haben und die wissen alles ganz genau. Das sind die Dogmatiker mit den Glaubenssätzen: „Das Fleisch darf man nur essen, wenn es, direkt bevor es in die Pfanne kommt drei Minuten in der Sonne gelegen hat. Es muss ein sonniger Tag sein, nur dann ist das genau richtig aufgeladen.“

CS: Also gibt es gar kein Geheimnis, keine Schublade, zu der nur die Auserwählten den Schlüssel haben?

TS: Doch das gibt es schon. Ich habe zum Beispiel bei vielen Köchen Schweinebraten gegessen, aber den Schweinebraten von meiner Großmutter, den schafft keiner. Ihr Geheimnis: Die Liebe, mit der sie gekocht hat. Und das lässt sich verallgemeinern: Ohne Liebe ist und bleibt es nur Essen.

CS: Also muss der Koch seine Esser lieben?

TS: Nicht zwingend. Bei den …tausend Leuten mit denen ich gekocht habe, gab’s natürlich welche, mit denen ich nicht so gut konnte. Aber ich habe gelernt, mich zurück zu nehmen und immer einen Anknüpfungspunkt zu finden. Wichtiger als die Beziehung zum Esser ist für den Koch allerdings die Dankbarkeit dafür, dass es all diese wunderbaren Zutaten, mit denen man arbeitet, gibt.

Ein Lieblingsrezept erzählt wunderbare Dinge über den Menschen – Thomas Sixt als Fernsehkoch

CS: Auf Deiner Homepage steht, Du bist eine Art kochender Journalist. Das heißt, Du kennst Dich nicht nur mit Töpfen aus, sondern willst ran an die Köpfe?

TS: Ich habe gerne Menschen bei mir, ja, ich koche gerne mit ihnen zusammen und habe festgestellt, dass gerade beim Kochen interessante Gespräche und Begegnungen stattfinden. Ein Lieblingsrezept z.B., das ich mit einem Menschen koche, erzählt oft wunderbare Dinge über den Menschen selbst und es ist ungeheuer spannend zu sehen, wie er reagiert, wenn ich beispielsweise eine kleine Abweichung vorschlage.

CS: Eine Art „ sag‘ mir was du gerne isst und ich sag‘ dir wer du bist?“

TS: Ja, so ein bisschen. Das ist ja prinzipiell ein Phänomen: Es gibt Gerichte, Speisen, die man in der Kindheit gegessen hat. Diesen Geschmack vergisst man nie. Gleichzeitig gelingt es aber sehr selten, dieses Geschmackserlebnis wieder herzustellen.

CS: Du hast mal gesagt, dass Biolek eine Art „geistiger Vater“ oder Vorbild für Dich ist. Was würdest du dennoch anders machen als er?

TS: Biolek hat es brillant verstanden, seine Gäste abzuholen. Das Kochen war eigentlich eher nebensächlich. Gute Gespräche in der Küche – das war seine Zeit. Dann kam die Jamie-Oliver-Phase mit viel Show-Off, viel Action und einer sehr dynamischen, ruckeligen Kamera. Ich glaube, dass eine Mischung aus beidem hoch interessant wäre. Dynamik ja, aber eben auch gute Gespräche rund um’s Kochen. Dabei erfährt man etwas über den Menschen und nicht nur etwas über geschäumte Süppchen und Gulasch mit Petersilienkartoffeln.

CS: An Fernsehköchen herrscht derzeit wirklich kein Mangel. Provokant gefragt: Weshalb braucht die Kochwelt Thomas Sixt? Was willst du den Leuten am Herd mit auf den Weg zum Kochen geben?

TS: Ich will mit den Leuten zusammen Neues entdecken. Es gibt so viel unentdecktes, kulinarisches Gut in der Welt. Man braucht nur an Indien denken, an Indonesien, an Malaysia. So viele unentdeckte, kulinarische Genüsse. Ich will Neues entdecken, neue Geschmackserlebnisse und Interessantes vermitteln.

CS: Als eine Art Marco Polo der Kochwelt?

TS: Ja, vielleicht sagen wir’s so, ja.

Was isst ein Chefkoch am liebsten? Die Leibspeise des Thomas Sixt

CS:Was isst du am liebsten? Hast du ein Lieblingsgericht?

TS: Ja. Die Pasta von meiner Frau.

CS: Die lange in Italien gelebt hat?

TS: Sie hat lange in Italien gelebt, zwölf Jahre, war auch verheiratet in Italien und ist wirklich bei einer italienischen Schwiegermutter ein wenig in die Kochschule gegangen. Alles, was italienisch ist, kocht sie einfach fantastisch.

CS: Weil sie sicher mit Liebe kocht. Das ist wieder Dein Thema.

TS: Ja, es ist sicher die Liebe. Und ich finde es toll, wenn man mal bekocht wird. Ansonsten esse ich sehr gerne Ente. Ente, Gans, diese Geflügelgeschichten in allen Varianten, das liebe ich.

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