Interview mit Thomas Sixt August 2009 kurze Version
Interview mit Kochexperte Thomas Sixt und Christine Strohm von Media5.de kurze Version
Christine Strohm (CS) Thomas Sixt (TS)
CS: Am Anfang war
TS: Plattling, Niederbayern 1975
CS: Also erst später Österreicher geworden?
TS: Nein. Wiener. Mit 23 bin ich nach Wien gezogen.
Ich bin in Bayern aufgewachsen, in Erding zur Schule gegangen und hab dort die Mittlere Reife gemacht.
CS: Dann der Berufswunsch Koch. Warum?
TS: Meine Großeltern mütterlicherseits waren eher einfach gestrickte Leute, dort kam die bodenständig-bayerische Variante auf den Tisch. Die anderen Großeltern haben eher gutbürgerlich gekocht. Diese verschiedenen Welten haben mich als Kind total fasziniert. Und es hat mich einfach schon immer fasziniert zu sehen, wie man aus Produkten - aus Zutaten, die man im Supermarkt oder auch am Markt sieht - einen Gaumenschmaus zubereiten kann.
Stichwort Schubeck – Thomas Sixt als Lehrling
CS: Lehrjahre bei Schuhbeck folgten. Was verdankst Du ihm?
TS: Ein großer Unterschied zu anderen Küchen war, dass Alfons prinzipiell immer das „Warum, Wieso und Weshalb“ erklärt hat. „Wenn du kochen lernen willst, dann musst du zu mir kommen“, hat er gesagt. „Du bist hier nicht der Vierte hinter dem Herd, sondern du stehst AM Herd und lernst das Kochen wirklich!“
CS: Von Schuhbeck sagt man er sei nicht gerade zimperlich im Umgang mit seinen Mitarbeitern.
TS: Das ist richtig, aber die Küche ist ohnehin kein zimperliches Umfeld. Jeder ist im Stress, alles muss funktionieren, alles muss vorbereitet sein. Zu Alfons bleibt einfach nur eines zu sagen: Hoher Qualitätsanspruch. Es ist ihm wichtig, dass alles funktioniert. Freilich kriegt jeder am Anfang sein Fett weg, aber irgendwann macht’s „Klick“ und dann hat man’s kapiert, dann läuft das.
CS: Hast du nach der Lehre darüber nachgedacht, ein eigenes Restaurant zu eröffnen?
TS: Nicht wirklich. Zum einen gab es bei mir keinen väterlichen Betrieb, den ich hätte übernehmen können. Zum anderen war da die Erkenntnis, dass ich es liebe, mit Leuten gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Das hat ganz logisch dazu geführt, nach anderen Möglichkeiten zu suchen.
CS: Deshalb ab 1998 kamen Showkochen und Kochkurse für Zuhause. In dieser Zeit hast Du grob gerechnet mit mehr als 10.000 Menschen gekocht. Was war so reizvoll am „private cooking“?
TS: Die Möglichkeit den Leuten etwas mitzugeben, ihnen etwas zeigen zu können.
CS: Warst du der Pionier des private cooking?
TS: Nein, als Pionier sehe ich mich nicht. Im kochtechnischen Bereich ist diese Bezeichnung ziemlich problematisch. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man sehr wenig neu erfinden kann, weil es das Meiste bereits zu irgendeiner Zeit und in irgendeiner Form gegeben hat - vielleicht abgesehen von der Molekularküche.
CS: Aber Deine Kochkurse sind den Medien aufgefallen. Was war anders als bei den anderen?
TS: Zunächst erst mal gar nichts. Anfangs habe ich mich vor allem als Selbstdarsteller gesehen, der seine Schüler mit seiner „Kochpracht“ und Professionalität beeindruckt. Allmählich bin ich aber darauf gekommen, dass es sehr viel interessanter ist, die Leute dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Also, jetzt nicht mein Programm einfach abfahren zu lassen sondern zu fragen: Wo fehlt’s denn?
„Nach dem Essen ist der Teller leer“ – Thomas Sixt als Fotograf und Autor
CS: So ganz nebenbei hat Dich aber auch das Thema Food-Fotografie gepackt und nicht mehr losgelassen.
TS: Mehr oder weniger schmerzhaft für jeden Koch: Nach dem Essen ist der Teller leer. Mein Ausweg war, die Sachen vorher zu fotografieren um auch zwei Jahre später noch zu wissen, was ich mal gekocht habe. Das begann mit Fotos für einen Prospekt, den ich gebraucht habe
„Etwas geben und von den Usern etwas zurück bekommen“ – Thomas Sixt als Internet-Koch
CS: Seit 2000 betreibst Du www.peperita.com. Was interessiert den Chefkoch an der Plattform Internet?
TS: Die Kreativität. Und die Möglichkeit des Austausches. Etwas zu geben und von den Usern etwas zurück zu bekommen. Das Internet mit den vielen Foren und Rezepten ist eine gewaltige Ideenschleuder. Peperita.com und die Vorgängerseite besterezeptesuche.de haben seit 2006 ca. 10. Mio. Rezept- Abrufe. Das ist super.
CS: Du bist aber gleichzeitig ja auch immer noch Rezepte-Erfinder, oder?
TS: Ja, Erfinder, Entdecker, Wieder-Entdecker, Hinzufüger und Kombinierer.
CS: Bei dieser persönlichen Weiterentwicklung hat sich dein Kochen verändert?
TS: Ja. Es hat zunächst eine Phase gegeben in der ich das, was ich gelernt hatte, nachgemacht habe, vielleicht mit kleinen Änderungen. Heute suche ich wirklich nach Neuem, nach neuen Ideen, und auch nach Altbewährtem, das droht vergessen zu werden. Und mich interessiert die Frage: Wie kann man tolle Gerichte so vereinfachen, dass jeder sie nachkochen kann.
„Fakt ist, wir kochen alle nur mit Wasser“ – Thomas Sixt über Suppenaliens
CS: Für welche Art des Kochens stehst Du?
Schnelle Küche, trotzdem möglichst liebevoll und frisch, was nicht heißt, dass da nicht auch einmal ein Convenience-Produkt verwendet wird. Der Hühnerbrühwürfel an sich ist nicht unbedingt schlecht.
CS: Und kommt auch bei Sterneköchen zum Einsatz?
TS: Ja. Ich nenne die Brühwürfel auch „Suppenaliens“. Die sind einfach überall.
CS: Das ist aber ein gut gehütetes Geheimnis?
TS: Und verursacht vielen Leuten einen unglaublichen Stress. Ein Stress, der daher kommt, dass das größte aller Küchengeheimnisse noch immer nicht verraten wurde.
CS: Das da lautet?
TS: Am Ende des Tages kochen alle nur mit Wasser plus Zutaten. D.h.: Oft wird um eigentlich einfache Dinge ein großes Tamtam gemacht. Mir geht es darum, Glaubenssätze wie „das Fleisch niemals vor dem Braten Würzen“ zu reduzieren auf Fragen rund ums Thema kochen. „Stört’s oder stört’s nicht“ find ich spannender als das Gegensatzpaar „Darf man oder darf man nicht?“
CS: Und dein Ziel ist es den Leuten zu helfen gute Aliens von schlechten Aliens zu unterscheiden?
TS: Vielleicht eher: Mehr Wahrheit in der Küche. Ich kenne Leute, die schimpfen öffentlich auf die Brühwürfel und haben sie daheim im Kasterl.
CS: Gutes Essen für alle?
TS: Ja, auch für den berufstätigen Menschen mit Familie der keine Zeit hat, am Nachmittag die Hühnerbrühe aufzusetzen und sie stundenlang leicht köcheln zu lassen. Ich unterscheide da zwischen Pflicht und Kür. Die Pflicht ist gut zu essen, die Kür ist halt dann einmal die Woche oder auch nur einmal im Monat mit allen Schikanen zu kochen.
CS: Fürchtest Du nicht, dass Deine Kollegen Dir diese Entzauberung übel nehmen könnten,
TS: Wenn sie’s stört, eck‘ ich an, aber das ist nicht mein Problem. Meine Botschaft ist ganz einfach: „Du kannst beim Kochen die Dinge so oder so machen. Probier’s einfach aus für dich. Es gibt nicht eine Wahrheit“.
„Ohne Liebe ist und bleibt es nur Essen“.
CS: Also gibt es gar kein Geheimnis, keine Schublade, zu der nur die Auserwählten den Schlüssel haben?
TS: Doch das gibt es schon. Ich habe zum Beispiel bei vielen Köchen Schweinebraten gegessen, aber den Schweinebraten von meiner Großmutter, den schafft keiner. Ihr Geheimnis: Die Liebe mit der sie gekocht hat. Und das lässt sich verallgemeinern: Ohne Liebe ist und bleibt es nur Essen.
CS: Also muss der Koch seine Esser lieben?
TS: Nicht zwingend. Bei den …tausend Leuten mit denen ich gekocht habe gab’s natürlich welche, mit denen ich nicht so gut konnte. Aber ich habe gelernt, mich zurück zu nehmen und immer einen Anknüpfungspunkt zu finden. Wichtiger als die Beziehung zum Esser ist für den Koch allerdings die Dankbarkeit dafür, dass es all diese wunderbaren Zutaten, mit denen man arbeitet, gibt.
Eine Art Marco Polo der Kochwelten – Thomas Sixt als Fernsehkoch
CS: An Fernsehköchen herrscht derzeit kein Mangel. Provokant gefragt: Weshalb braucht die Kochwelt Thomas Sixt? Was willst du den Leuten daheim am Herd geben?
TS: Ich will mit den Leuten zusammen Neues entdecken. Es gibt so viel unentdecktes, kulinarisches Gut in der Welt. Man braucht nur an Indien denken, an Indonesien, an Malaysia. So viele unentdeckte, kulinarische Genüsse. Ich will Neues entdecken, neue Geschmackserlebnisse und Interessantes vermitteln.
CS: Als eine Art Marco Polo der Kochwelt?
TS: Ja, vielleicht sagen wir’s so, ja.
Was isst ein Chefkoch am liebsten? Die Leibspeise des Thomas Sixt
CS: Was isst du am liebsten? Hast du ein Lieblingsgericht?
TS: Ja. Die Pasta von meiner Frau.
CS: Die lange in Italien gelebt hat?
TS: Die hat lange in Italien gelebt, zwölf Jahre, war auch verheiratet in Italien und ist wirklich bei einer italienischen Schwiegermutter ein wenig in die Kochschule gegangen. Alles, was italienisch ist, kocht sie einfach fantastisch.
CS: Weil sie sicher mit Liebe kocht. Das ist wieder Dein Thema.
TS: Ja, es ist sicher die Liebe. Und ich finde es toll, wenn man mal bekocht wird. Ansonsten esse ich sehr gerne Ente. Ente, Gans, diese Geflügelgeschichten in allen Varianten, das liebe ich.














Kommentare
Marco Polo
Thomas als der Marco Polo der Kochwelt - finde ich gut und das in Kombination mit Pasta und vielleicht Peking? Ente... echt gut.
mit liebe kochen
ich finde das mit Liebe kochen noch viel besser....
nettes Interview
... hab die Kurzversion gelesen - finde ich sehr nett das Interview, insbesondere was Du über Deinen Lehrmeister geschrieben hast. Gruß Anke